netz4 | netsphere

██ Mein Block ▒▒ Mein Blog

Archive for the ‘Kurzgeschichte’ Category

Schrei

Posted by krischan - 26. Juni 2010

Es verschwand unter einem großen Tuch. Unter eifrigem Wischen, Rubbeln und Scheuern löste sich eine Menge Dreck, der an den Tuchrändern herausfiel, mit viel Politur wurde geglättet bis zum absoluten, perfekten Glanz. Heute ist es soweit: Das Tuch wird abgezogen, und nun strahlt es ihn an: Das Nachbarhaus ist saniert. Das graue Pappdockendach, das wie das graue Haar eines Greisen das Haupt des Hauses bedeckte, ist dem rötesten Rot gewichen, das Tonpfannen aufbieten können. Die ehemals rissige, dunkle, gefleckte und mit vielen Narben bedeckte Haut ist nun glatt und makellos weiß. Die trüben, alten Augen, Fenster aus welligem Glas und dünnen Holzrahmen, an denen viele Farbschichten blätterten, sind ausgewechselt worden gegen gestochen scharf und glasklar sehende Kunststoffenster. Er wußte es vorher: Er mag es nicht. Das Weiß ist ihm zu weiß, das Rot zu rot und die Fassade zu glatt, die Fenster zu künstlich und die davorgestellten Balkone zu klotzig. Es ist ihm, als sei er umgezogen: Der Ausblick aus seiner Wohnung hat sich verändert. Ohne sich selbst zu bewegen, ist er jetzt angekommen, ob er will oder nicht, in der schicken Neuen Mitte. Ungestüm drängt sie sich in seinen Hinterhof, drängt sich ihm auf, schiebt ihm ihre Titten mitten ins Gesicht. Warte nur, bis Du etwas Patina angesetzt hast, denkt er sich. Er konnte dem Älterwerden schon immer etwas Positives abgewinnen.
Im Hof hört er jemanden reden. Viel zu laut für diesen Hof. Eine Männerstimme. Ein nicht enden wollender Monolog, durchsetzt mit kräftigen „Yo!“s, wechselweise mit „Dickerchen“, „mein Lieber“ und „kein Problem“ als Einleitung zum nächsten Wortschwall. Aha, Monsieur 100.000 Dezibel kommt gerade aus der Agentur, fliegt morgen nach Brüssel. Toller Hecht. Das liebe Dickerchen, mit dem er keine Probleme hat, wohnt also in München. Wie spannend. ‚Erzähl mir mehr!’ Yo, es braucht eine Zweitwohnung in Berlin. Natürlich in Mitte. Yo!
Er stellt sich vor, der ganze Hof sei morgen schon mit viel zu laut redenden, mobil telefonierenden Männern gefüllt, die ihren besten Freunden, weil geduldigsten Zuhörern aus München, Düsseldorf und bestimmt auch London, wenn nicht gar New York oder Tokio, zu einer Wohnung in Mitte verhelfen wollen. Es ist ein optimaler Zeitpunkt, Opa in Püttelkow mal wieder anzurufen! Er setzt sich auf die Fensterbank. Im engen Hof kocht die Nachmittagssonne Ausdünstungen des verjüngten Nachbarhauses zu ihm hoch. Die Kohlesprechkapsel seines alten Bakkelittelefons ist genauso wie Opa noch schwerhöriger geworden. Er brüllt über den Telefonhörer durchs offene Fenster in den Hof: „Mir geht’s gut, wie geht es dem alten Herrn?“ Opa hat Stuhlprobleme? Da will ich Details! Keinen Durchfall von zu viel Alkohol, sondern Verstopfung wegen des Bewegungsmangels nach der Schenkelhalsfraktur? Herrje aber auch.
Monsieur 100.000 Dezibel schaut hoch. Ein angestrengter Blick, um den sich das ganze Gesicht zusammenknautscht, um den Strahl brutalstmöglichst zu bündeln und ihm somit eine hoffentlich tödliche Wirkung verleihen zu können. Engarde! Opa sagt, es tue ihm leid, schlecht gucken könnte er ja schon immer gut, aber jetzt höre er doch sehr schlecht. – „Ach, schwerhörig würd’ ich das nicht nennen, Opa. Schau mal, Du bist neunzig, heutzutage sind dagegen viele bereits mit Mitte Zwanzig so gut wie taub. – Das kommt bestimmt von diesen Handys…“
Wie ein brüllender Löwe verteidigt er seinen Hof. Er hatte lange nicht so laut gesprochen, daß seine Stimme gerade noch nicht überschlug. Aber er konnte es auf Anhieb, er mußte es nicht lernen. Das Schreien schlummerte in ihm.

Advertisements

Posted in Kurzgeschichte | Verschlagwortet mit: , , | Leave a Comment »

Bitte warten!

Posted by krischan - 25. Juni 2010

In den U-Bahnhöfen hängen Schilder: Sie warten gerade auf die U-Bahn. Deutsche Alzheimer Gesellschaft. In der U-Bahn weiß ich noch immer sehr genau, worauf ich gerade warte. Aber zunehmend spüre ich eine Unruhe in mir. Ich warte. Ohne zu wissen, worauf. So kommt es mir vor.
Meine Eltern warten auf den Tod. Nicht, daß sie so alt wären, daß sie nichts anderes mehr vom Leben zu erwarten hätten, nein. Aber sie haben frühzeitig vergessen, wie es ist, zu leben. Mein Freund wartet darauf, daß ich ihm endlich mal sagen werde: „Ich liebe Dich.“ Mein Bruder wartet darauf, daß meine Schwägerin endlich schwanger wird, während sie hingegen anscheinend nur noch darauf wartet, daß er ihr endlich einen Grund liefert, mit dem sie ihn logisch fundamentiert, ohne großes Aufsehenserregen loswerden kann. Meine Kollegen warten darauf, daß unser Chef hinausgeworfen wird, damit einer von ihnen seine würdige Nachfolge antreten kann; mein Chef wiederum wartet darauf, daß ich kündige, und dieses Warten versucht er sich wo nur möglich tatkräftig unterstützend zu verkürzen. Regierungspolitiker warten auf die nächste Krise, die Opposition auf Neuwahlen, die Bürger auf die 20-Uhr-Nachrichten, Beamte auf die Frühpensionierung, Büroangestellte auf die Morgenzeitung, die Mittagspause und den Gehaltseingang, die moderne Hausfrau auf den Paketdienst, die gelangweilte darauf, von Außerirdischen entführt zu werden, oder einfach nur aufs Wochenende, um vorm Fernseher wieder auf den Montag zu warten. Warten. Alles wartet. Bitte hinten anstellen. Diskretionsabstand einhalten. Nicht drängeln.
Ich weiß weder, worauf ich warte, noch wo ich mich hinten anstellen sollte. Mißachte ich etwa gerade einen Diskretionsabstand? Ich würde gern drängeln, wenn ich nur wüßte, wohin.
Ausschlußprinzip: Ich warte nicht auf meinen Freund. Er ist immer überpünktlich. Wie beim Hasen und dem Igel: „Ich bin schon da!“ Ich warte höchstens darauf, endlich einmal auf ihn zu warten. Ihn zu vermissen, mich nach ihm zu sehnen. Das geht nie, er ist schon immer da! Ich warte auch nicht auf den obligatorischen Anruf meiner Mutter, wo doch bald wieder Weihnachten ist. Als gute Aufzucht ihrer Brut befand sie eine gute Fütterung für absolut ausreichend. Seit sechzehn Jahren kann ich selbst gut kochen. Ich warte auch nicht auf ein plötzliches Auftauchen meines Bruders, damit er sich in meinem Beisein und darausfolgendem zwangsläufigen Nichtbeisein seiner Frau je nach Angebots- und Stimmungslage, in jedem Falle aber bis zur hemmungslosen Besinnungslosigkeit betrinken oder bekiffen kann, in Ausnahmefällen auch beides gleichzeitig.
So habe ich die ganze Nacht jeden und alles ausschließen können. Ich warte auf nichts und niemanden.
Aber ich warte. Will Ich vielleicht einfach nur drängeln und schubsen können, mich vordrängeln um des Vordrängelns Willen?
Ich warte. Ich warte. Ich warte. Ich warte. Ich… Ich warte ich. Syntaktisch richtig: Ich warte auf mich. Ach ja? Das geht eigentlich nicht, denn noch viel mehr als mein Freund müßte ich ja schon immer da sein, egal, wohin ich will. Es geht folglich nur, wenn ich nicht bei mir bin. Ich muß schon lange nicht ganz bei mir gewesen sein.
Ich muß weg. Egal, wo ich gerade bin, ich bin da falsch. Ich muß weg von hier, hin zu mir. Erst wenn ich da angekommen bin, erst dann brauche ich wieder auf etwas oder jemand anderes zu warten.
„Verzeihen Sie bitte. Nein, ich brauche mich nicht hinten anzustellen. Ich muß mich vordrängeln. Nein, ich brauche auch keinen Diskretionsabstand zu mir. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich werde dringend erwartet.“

Posted in Kurzgeschichte | Verschlagwortet mit: , | Leave a Comment »

 
%d Bloggern gefällt das: