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Posts Tagged ‘Berlin’

Die Piratenpartei – Deutschlands neuer Problembär?

Posted by krischan - 18. Oktober 2011

War die mediale Präsenz und Aufmerksamkeit, die der Piratenpartei nach der Europawahl und dem sog. „Zugangserschwernisgesetz“ zuteil wurde, bereits immens, hat sie nach dem grandiosen Erfolg bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und den Bezirksverordnetenversammlungen neuerlich ungeahnte Höhen erreicht. Genauso verständlich wie diese Tatsache ist wohl jedoch auch der natürliche Beißrefelx, der nun erneut von allen Seiten einsetzt. Aber da einige alte ‚Argumente‘, z.B. eine Stimme für die Piratenpartei sei eine „Stimme für den Gulli“, nun nicht mehr greifen, müssen nun neue her, während sich andere hartnäckig halten. Sehr schön zusammengefaßt liest sich das in einer neuen Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung
und in einer Reihe immer neuer Artikel in der taz bspw. (http://www.taz.de/Debatte-Piratenpartei/!80139/ http://www.taz.de/Ex-Neonazis-bei-der-Piratenpartei/!80040/)
Die Piratenpartei avanciert also zum neuen Problembär der deutschen Politik?
Denn das Problem ist nun, daß er im vermeintlichen Hoheitsgebiet der ‚etablierten‘ Parteien wildert. Zwar haben wir derzeit eine mehr oder weniger lange Phase eines Mehrparteien-Systems in Deutschland, aber letztendlich ist zumindest in den letzten 30 Jahren immer dasselbe dabei herausgekommen. Wer in den 80ern groß geworden ist, kannte 16 Jahre lang eh nur einen Kanzler und einen Politikstil: den des Aussitzens. Und wer ’98 an einen wirklichen Wandel glaubte, wurde auch sehr bald von Rot-Grün enttäuscht. Außer dem Atomausstieg I änderte sich im Wesentlichen nichts, vielleicht noch die Homo-Ehe. Ansonsten wurde auch nur der Dicke von einem Genossen der Bosse abgelöst, die Armen wurden ärmer und die Reichen reicher, die Spaltung der Gesellschaft vergrößert. Die Grünen verrieten Ihre einstigen pazifistischen Ideale und schickten deutsche Soldaten in die Welt, um dort angeblich deutsche Interessen mit Gewalt zu verteidigen, aber statt Partizipation und Mitbestimmung für alle wurde sich lieber, selbst arriviert, gemütlich unter den Etablierten eingerichtet. Und erst einmal etabliert, war etabliert bald das gleiche wie konservativ.
In letzter Zeit nun liest man häufiger von dem Problem des Konservatismus und der dort angestammt verorteten CDU, hört Rufe nach einer neuen, konservativen Rechten. Rechtspopulistische Schreihälse findet man aber bereits ebenso in jeder etablierten Partei.
Konservativ, d.h. Politik aus der Konserve: alles einkochen, alles Lebendige abtöten und dauerhaltbar machen. Mittlerweile macht es überhaupt keinen Unterschied mehr, ob jede Partei ihren eigenen Brei einkocht und in Dosen abfüllt oder ob nur noch ein großer Eintopf in einzelne Konserven mit unterschiedlich farbigen Etiketten abgefüllt wird. Es ist alles gleich fad, sie alle sind gleich konservierend: Hauptsache, am Alten ändert sich nichts, es soll bitte alles so bleiben wie es ist. So ist das System.
Und es ist eine Grundeigenschaft von Systemen, daß sie beharrlich sind gegen Veränderungen, und zwar prinzipiell – das ist nämlich Sinn und Zweck von Systemen, eine einmal geschaffene Ordnung zu erhalten.
Das Fatale ist nun, daß man, in so einer Konserve sitzend, auch keinerlei Kontakt mehr zur Außenwelt hat. Und in der hat sich etwas getan in der Zwischenzeit.
Da kam nämlich dieses Internet daher, erst einmal wieder nur als so eine neue technische Spielerei aus den USA, anfangs aber völlig uninteressant. Dann witterten plötzlich viele richtig fette Beute damit machen zu können, und die erste gewaltige Spekulationsblase platzte – vor 10 Jahren übrigens schon. Trotzdem konnte und kann man weiterhin viel Geld damit machen. Man braucht nur immer neue Gesetze, um die althergebrachten Geschäftsmodelle und Herrschaftsstrukturen aufrecht erhalten zu können. Denn es soll sich ja bloß nichts ändern.
Nun jedoch geht da plötzlich irgendetwas Ungeheueres vor sich in diesem Internet. Da kommen irgendwelche Leute raus und mischen sich ein. Und Millionen Menschen gefällt das. Den konservierten Konservativen in schwarz, gelb, grün und rot natürlich ganz und gar nicht, denn bis heute hat bis auf ganz wenige Ausnahmen niemand unserer Volksvertreter wirklich begriffen, mit was sie es da zu tun haben. Während die sich nämlich in ihren parteipolitischen Schützengräben immer noch genauso selbstgerecht wie erfolglos mit den angesammelten und ungelösten Problemen der letzten 30 Jahre herumschlagen („Die Rente ist sicher“, „in 2, 3, 4 Jahren blühende Landschaften“, „soziale Gerechtigkeit“, „Bildung ist Zukunft“ usw.), haben wir es derweil mit nichts Geringerem als einem Meilenstein in der Geschichte der Menschheit, nämlich zur Menschheitswerdung, d.h. der Globalisierung der Menschen, nicht nur des Kapitals, zu tun. Das Internet ist die Freiheit der Information, jeder kann mit jedem auf der Welt kommunizieren, jeder kann sich frei seine Informationen aussuchen und ist nicht mehr darauf angewiesen, welche Informationen andere ihm wie zuteilen und welche nicht. Das Internet kennt keine gesellschaftlichen Hierarchien, keine Ideologien und keine Pfründe.
Das heißt, das bedeutet es alles u.a., aber was ist es denn nun? Es ist Hardware und Software, vor allem aber ist es, was es bedeutet. Und die Bedeutung wird weiter wachsen, weitaus mehr und schneller als jede herkömmliche, kapitalistische Wirtschaft es noch wird. Es kann erstmals alte Systeme überkommen, bevor diese in einer riesigen Katastrophe untergehen und durch ein neues ersetzt werden. Es ist redundant, selbstorganisierend und innovativ. Und diese Eigenschaften beschreiben als einzige Partei auch die Piraten. Die Zeit der Konserven-Politik ist zu Ende, und reif für eine Gesellschaft, die sich wieder weiter entwickeln kann.

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Schrei

Posted by krischan - 26. Juni 2010

Es verschwand unter einem großen Tuch. Unter eifrigem Wischen, Rubbeln und Scheuern löste sich eine Menge Dreck, der an den Tuchrändern herausfiel, mit viel Politur wurde geglättet bis zum absoluten, perfekten Glanz. Heute ist es soweit: Das Tuch wird abgezogen, und nun strahlt es ihn an: Das Nachbarhaus ist saniert. Das graue Pappdockendach, das wie das graue Haar eines Greisen das Haupt des Hauses bedeckte, ist dem rötesten Rot gewichen, das Tonpfannen aufbieten können. Die ehemals rissige, dunkle, gefleckte und mit vielen Narben bedeckte Haut ist nun glatt und makellos weiß. Die trüben, alten Augen, Fenster aus welligem Glas und dünnen Holzrahmen, an denen viele Farbschichten blätterten, sind ausgewechselt worden gegen gestochen scharf und glasklar sehende Kunststoffenster. Er wußte es vorher: Er mag es nicht. Das Weiß ist ihm zu weiß, das Rot zu rot und die Fassade zu glatt, die Fenster zu künstlich und die davorgestellten Balkone zu klotzig. Es ist ihm, als sei er umgezogen: Der Ausblick aus seiner Wohnung hat sich verändert. Ohne sich selbst zu bewegen, ist er jetzt angekommen, ob er will oder nicht, in der schicken Neuen Mitte. Ungestüm drängt sie sich in seinen Hinterhof, drängt sich ihm auf, schiebt ihm ihre Titten mitten ins Gesicht. Warte nur, bis Du etwas Patina angesetzt hast, denkt er sich. Er konnte dem Älterwerden schon immer etwas Positives abgewinnen.
Im Hof hört er jemanden reden. Viel zu laut für diesen Hof. Eine Männerstimme. Ein nicht enden wollender Monolog, durchsetzt mit kräftigen „Yo!“s, wechselweise mit „Dickerchen“, „mein Lieber“ und „kein Problem“ als Einleitung zum nächsten Wortschwall. Aha, Monsieur 100.000 Dezibel kommt gerade aus der Agentur, fliegt morgen nach Brüssel. Toller Hecht. Das liebe Dickerchen, mit dem er keine Probleme hat, wohnt also in München. Wie spannend. ‚Erzähl mir mehr!’ Yo, es braucht eine Zweitwohnung in Berlin. Natürlich in Mitte. Yo!
Er stellt sich vor, der ganze Hof sei morgen schon mit viel zu laut redenden, mobil telefonierenden Männern gefüllt, die ihren besten Freunden, weil geduldigsten Zuhörern aus München, Düsseldorf und bestimmt auch London, wenn nicht gar New York oder Tokio, zu einer Wohnung in Mitte verhelfen wollen. Es ist ein optimaler Zeitpunkt, Opa in Püttelkow mal wieder anzurufen! Er setzt sich auf die Fensterbank. Im engen Hof kocht die Nachmittagssonne Ausdünstungen des verjüngten Nachbarhauses zu ihm hoch. Die Kohlesprechkapsel seines alten Bakkelittelefons ist genauso wie Opa noch schwerhöriger geworden. Er brüllt über den Telefonhörer durchs offene Fenster in den Hof: „Mir geht’s gut, wie geht es dem alten Herrn?“ Opa hat Stuhlprobleme? Da will ich Details! Keinen Durchfall von zu viel Alkohol, sondern Verstopfung wegen des Bewegungsmangels nach der Schenkelhalsfraktur? Herrje aber auch.
Monsieur 100.000 Dezibel schaut hoch. Ein angestrengter Blick, um den sich das ganze Gesicht zusammenknautscht, um den Strahl brutalstmöglichst zu bündeln und ihm somit eine hoffentlich tödliche Wirkung verleihen zu können. Engarde! Opa sagt, es tue ihm leid, schlecht gucken könnte er ja schon immer gut, aber jetzt höre er doch sehr schlecht. – „Ach, schwerhörig würd’ ich das nicht nennen, Opa. Schau mal, Du bist neunzig, heutzutage sind dagegen viele bereits mit Mitte Zwanzig so gut wie taub. – Das kommt bestimmt von diesen Handys…“
Wie ein brüllender Löwe verteidigt er seinen Hof. Er hatte lange nicht so laut gesprochen, daß seine Stimme gerade noch nicht überschlug. Aber er konnte es auf Anhieb, er mußte es nicht lernen. Das Schreien schlummerte in ihm.

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