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Posts Tagged ‘Warten’

Bitte warten!

Posted by krischan - 25. Juni 2010

In den U-Bahnhöfen hängen Schilder: Sie warten gerade auf die U-Bahn. Deutsche Alzheimer Gesellschaft. In der U-Bahn weiß ich noch immer sehr genau, worauf ich gerade warte. Aber zunehmend spüre ich eine Unruhe in mir. Ich warte. Ohne zu wissen, worauf. So kommt es mir vor.
Meine Eltern warten auf den Tod. Nicht, daß sie so alt wären, daß sie nichts anderes mehr vom Leben zu erwarten hätten, nein. Aber sie haben frühzeitig vergessen, wie es ist, zu leben. Mein Freund wartet darauf, daß ich ihm endlich mal sagen werde: „Ich liebe Dich.“ Mein Bruder wartet darauf, daß meine Schwägerin endlich schwanger wird, während sie hingegen anscheinend nur noch darauf wartet, daß er ihr endlich einen Grund liefert, mit dem sie ihn logisch fundamentiert, ohne großes Aufsehenserregen loswerden kann. Meine Kollegen warten darauf, daß unser Chef hinausgeworfen wird, damit einer von ihnen seine würdige Nachfolge antreten kann; mein Chef wiederum wartet darauf, daß ich kündige, und dieses Warten versucht er sich wo nur möglich tatkräftig unterstützend zu verkürzen. Regierungspolitiker warten auf die nächste Krise, die Opposition auf Neuwahlen, die Bürger auf die 20-Uhr-Nachrichten, Beamte auf die Frühpensionierung, Büroangestellte auf die Morgenzeitung, die Mittagspause und den Gehaltseingang, die moderne Hausfrau auf den Paketdienst, die gelangweilte darauf, von Außerirdischen entführt zu werden, oder einfach nur aufs Wochenende, um vorm Fernseher wieder auf den Montag zu warten. Warten. Alles wartet. Bitte hinten anstellen. Diskretionsabstand einhalten. Nicht drängeln.
Ich weiß weder, worauf ich warte, noch wo ich mich hinten anstellen sollte. Mißachte ich etwa gerade einen Diskretionsabstand? Ich würde gern drängeln, wenn ich nur wüßte, wohin.
Ausschlußprinzip: Ich warte nicht auf meinen Freund. Er ist immer überpünktlich. Wie beim Hasen und dem Igel: „Ich bin schon da!“ Ich warte höchstens darauf, endlich einmal auf ihn zu warten. Ihn zu vermissen, mich nach ihm zu sehnen. Das geht nie, er ist schon immer da! Ich warte auch nicht auf den obligatorischen Anruf meiner Mutter, wo doch bald wieder Weihnachten ist. Als gute Aufzucht ihrer Brut befand sie eine gute Fütterung für absolut ausreichend. Seit sechzehn Jahren kann ich selbst gut kochen. Ich warte auch nicht auf ein plötzliches Auftauchen meines Bruders, damit er sich in meinem Beisein und darausfolgendem zwangsläufigen Nichtbeisein seiner Frau je nach Angebots- und Stimmungslage, in jedem Falle aber bis zur hemmungslosen Besinnungslosigkeit betrinken oder bekiffen kann, in Ausnahmefällen auch beides gleichzeitig.
So habe ich die ganze Nacht jeden und alles ausschließen können. Ich warte auf nichts und niemanden.
Aber ich warte. Will Ich vielleicht einfach nur drängeln und schubsen können, mich vordrängeln um des Vordrängelns Willen?
Ich warte. Ich warte. Ich warte. Ich warte. Ich… Ich warte ich. Syntaktisch richtig: Ich warte auf mich. Ach ja? Das geht eigentlich nicht, denn noch viel mehr als mein Freund müßte ich ja schon immer da sein, egal, wohin ich will. Es geht folglich nur, wenn ich nicht bei mir bin. Ich muß schon lange nicht ganz bei mir gewesen sein.
Ich muß weg. Egal, wo ich gerade bin, ich bin da falsch. Ich muß weg von hier, hin zu mir. Erst wenn ich da angekommen bin, erst dann brauche ich wieder auf etwas oder jemand anderes zu warten.
„Verzeihen Sie bitte. Nein, ich brauche mich nicht hinten anzustellen. Ich muß mich vordrängeln. Nein, ich brauche auch keinen Diskretionsabstand zu mir. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich werde dringend erwartet.“

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